Die spezielle Rolle Berlins – Umgeschichtet, 26.01.13


Im Inforadio Geschichtsmagazin „Umgeschichtet“ spricht Harald Asel mit Prof. Michael Wildt von der Humboldt Universität Berlin. Er begleitet das Projekt „Zerstörte Vielfalt“ wissenschaftlich und hat gemeinsam mit Christoph Kreutzmüller gerade den Sammelband „Berlin 1933-1945. Stadt und Gesellschaft im Nationalsozialismus“ herausgegeben.

„Zerstörte Vielfalt. 1933-1938-1945“ so heißt das Berliner Themenjahr, das in der kommenden Woche mit Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum und in der Topographie des Terrors eröffnet wird. An vielen Orten in der Stadt gehen Institutionen und Initiativen auf Spurensuche. Auch Inforadio. Wissenschaftlich begleitet wird das Jahr vom Lehrstuhl „Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Nationalsozialismus“ an der Humboldt-Universität. Dort lehrt Michael Wildt, der mit Christoph Kreutzmüller gerade den umfänglichen Sammelband „Berlin 1933-1945. Stadt und Gesellschaft im Nationalsozialismus“ bei Siedler herausgegeben hat. Harald Asel spricht mit Michael Wildt über die spezielle Rolle, die die Hauptstadt in der Nazizeit spielte. Auszüge aus dem Gespräch im Wortlaut: Michael Wildt: Berlin war als Reichshauptstadt tatsächlich die zentrale Stadt des deutschen Reiches. Sie war auch bemüht seit den 1920er Jahren in einer Reihe mit Weltmetropolen wie New York, London oder Paris genannt zu werden – in einem ganz anderen Maß wie beispielsweise Frankfurt, Hamburg oder München. Auf der anderen Seite war Berlin der Gegenort des Nationalsozialismus: der „Sündenpfuhl“, das „Babylon“, eigentlich ganz konträr von seinem kulturellen Leben her zur nationalsozialistischen Ideologie. Und nicht von ungefähr hat jemand wie Joseph Goebbels sich dieser Aufgabe bemächtigt, Berlin für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Asel: Sündenpfuhl in den Augen der Nazis – der Gegenentwurf. Und doch beschäftigt uns die Frage, wie schnell ändert sich das? Wo gab es Anknüpfungspunkte für die Nazis, die ja schon relativ früh in Berlin Fuß gefasst haben? Wildt: Es gab auch Biedersinn in Berlin, es gab Militarismus, es gab kleinbürgerliche bis bürgerliche Stadtteile, die schon 1920 deutsch-national orientiert waren und die den Kapp-Putsch und die Reaktionären der Republik unterstützten: In Steglitz, in Spandau oder in Schöneberg haben die Deutschnationalen immer große Stimmengewinne gehabt. Von daher darf man Berlin nicht nur unter diesem kulturellen Avantgarde- und Modernitätsaspekt sehen – das war eben nur ein Teil. Es gab immer genug Berliner und Berlinerinnen, die genau das nicht wollten, sondern vielmehr eine herausgeputzte, ordentliche und kriminellfreie und auch frei von einer jüdischen Minderheit befindliche Stadt haben wollten. Asel: Wie wichtig ist da die Zeit vor 1933? Sie lehren ja am Lehrstuhl Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, und das besondere Gewicht liegt dabei auf dem Nationalsozialismus. Es gab damals ja auch Ängste vor Modernität, Verunsicherungen, die insbesondere nach 1918 gerade in dieser Stadt aufeinander prallten. Wildt: Diese Zeit von 1919 bis 1933 ist eminent wichtig, weil in ihr bestimmte Entwicklungen gelingen, andere misslingen. Es gibt einerseits die Entwicklung mit der Revolution und der Instituierung eines modernen Sozialstaates – beispielsweise das Frauenwahlrecht, das es bis 1919 nicht gegeben hat, und es gibt den Versuch, über Sozialstaatlichkeit die Arbeiterschaft in den Staat zu integrieren. Auf der anderen Seite gibt es seit 1917 eine immense Kommunistenangst seitens des Bürgertums. Man darf diese Furcht vor einer bolschewistischen Revolution oder – in der bürgerlichen Perspektive – vor dem bolschewistischen Chaos wie 1920/21 nicht unterschätzen, wenn es um die letzten Jahre der Weimarer Republik geht. Die KPD wird in den Wahlen Ende 1932 die stärkste Partei in der Stadt. Das mobilisiert alle Ängste in Spandau, Schöneberg, Charlottenburg, Wilmersdorf, Zehlendorf, wo die Bürger glauben, jetzt steht die bolschewistische Revolution vor der Tür. Und bei allem Herabschauen auf das Braune, die SA, den braunen Pöbel, wie das manche Bürger gesagt hatten, gibt es eine große Akzeptanz, dass hart gegen die Kommunisten durchgegriffen wird. Nationalsozialistische Umformung der Gesellschaft Asel: Das Merkwürdige ist ja, dass diese großen Unterschiede, was die einzelnen Berliner Stadtteile angeht, in den freien Wahlen 1932 und in der nicht mehr so freien Wahl am 5. März 1933, sich verändern. Wie ist es den Nationalsozialisten gelungen, in die gesellschaftlichen Bereiche einzudringen, die eigentlich widerständig waren? Wildt: Die KPD war nicht so stark wie es die Wählerstimmen es glauben machten. Ihre soziale Basis waren Arbeitslose, die als Gesellschaftsgruppe fluid (im Fluss, Anm. d. Red.) waren, die sich nach der Decke strecken mussten. Die Feindschaft zur Sozialdemokratie war immens und das Zusammenrechnen von KPD und SPD ist trügerisch, weil diese beiden Lage nichts miteinander zu tun haben wollten. Und alle Stadtteile – auch die innerstädtischen Bezirke wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Wedding oder Neukölln – hatten durchaus immer auch bürgerliche Kieze. Zum Beispiel am Stettiner Bahnhof: Dort gab es auch eine Kaserne, und um die Kaserne herum wohnten Offiziere, Soldaten – und dieser Kiez im scheinbar proletarischen und rot ausgerichteten Innenstadtbezirk wählt deutsch-national. Asel: In dem Band, Michael Wildt, den Sie zusammen mit Christoph Kreuzmüller herausgegeben haben – „Berlin 1933-1945 – Stadt und Gesellschaft im Nationalsozialismus“ -, wird sehr viel über Verwaltung, über Wirtschaft und über Institutionengeschichte sichtbar. Da ist interessant, was gerade diese Institutionengeschichte über die Normalität, die dann auch irgendwann in diesem Terror-Regime existierte, aussagt. Wildt: Es ist völlig richtig – das ist einer der spannenden Aspekte, wie eine Gesellschaft im nationalsozialistischen Sinne umgeformt werden kann, weil die Nationalsozialisten an etwas anknüpfen konnten. Sie haben Bürokratien und Verwaltungen aus der Rechtsstaatlichkeit entlassen, und die Rechtsstaatlichkeit wird von vielen Verwaltungsbürokraten als Beschränkung und Einengung ihrer Möglichkeiten gedacht. Und es gibt viele Experten, die sagen, wenn wir so könnten, wie wir wollten, dann würden wir die Sache schon richten – und genau daran haben die Nationalsozialisten angesetzt, indem sie den Rechtsstaat zerschlagen haben und den Verwaltungen gesagt haben, dass sie endlich so regieren könnten wie sie wollen. Damit haben sie eine hohe Energie und Loyalität gebunden – man denke an die Kriminalpolizei, an die Bauämter, die jetzt auf einmal ohne fürchten zu müssen, dass sie die Gesetze brechen, so handeln konnten, wie sie es für richtig hielten. Von daher ist diese Einbindung von moderner Staatlichkeit in das NS-Regime zugleich Verwandlung, d.h. die bürokratischen Institutionen haben sich ja dadurch verändert. Deswegen ist diese Einbindung eine wesentliches Element zu erkennen, wie Nationalsozialismus funktioniert.