Egon Bahr erinnert sich (30.1.2013)


Egon Bahr erinnert sich im Inforadio-Interview an die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der „Architekt der neuen deutschen Ostpolitik“ war damals 10 Jahre alt. Das Interview zum Nachhören.

Egon Bahr, der „Architekt der neuen deutschen Ostpolitik“ in den 1970er Jahren, feiert in wenigen Wochen seinen 91. Geburtstag. Geboren wurde der Sozialdemokrat im thüringischen Treffurt. Seine Mutter arbeitete damals bei einer Bank, sein Vater war Lehrer. Im Alter von 16 Jahren zog es ihn und seine Eltern – unfreiwillig – nach Berlin. Weil die Großmutter jüdisch ist, soll Bahrs Vater sich von seiner Frau scheiden lassen, doch er weigert sich. Der Vater wird aus dem Schuldienst entlassen, und die Familie zieht 1938 aus dem sächsischen Torgau nach Berlin. Die Haltung seines Vaters prägt Egon Bahr. Wegen der Herkunft seiner Großmutter darf er nicht studieren und macht eine Lehre zum Industriekaufmann bei Rheinmetall Borsig. Von 1942 bis 1944 ist er Soldat, muss das Militär vorzeitig verlassen – wegen seiner „nicht-arischen Abstammung“. Egon Bahr lebte in Berlin, als die Judenverfolgung schon längst in vollem Gange war. Im Jahr der „Reichspogromnacht“, 1938, kam er als 16jähriger Schüler in eine Welt, die auch für ihn und seine Familie eine ständige Bedrohung bedeutete. Egon Bahr erinnert sich, dass sein Vater 1933 sagte: „Wenn die Nazis kommen, bedeutet das Krieg.“ Bahr räumte ein, dass ihn die Machtübernahme nicht sehr stark berührt habe. Über Judenverfolgung und Konzentrationslager sei nicht gesprochen worden. Nach Einschätzung des SPD-Politikers ist Deutschland heute besser gefeit gegen Rechtsradikalismus als früher. Die NPD werde keinen Krieg auslösen. Bahr fügte hinzu: „Jedes demokratische Land muss mit Extremen auf der linken und rechten Seite umgehen können.“ Die Fragen stellte Angela Ulrich.