Familie Bing


Im Grunewald lebte die Familie Bing, bis die Nationalsozialisten ihr Zuhause zerstörten. Die Kinder konnten sich nach Großbritannien retten. Doch der Vater wurde nach Auschwitz deportiert und die Mutter auf ihrer Flucht gefasst. Aus ihrer Haft schmuggelte sie Briefe nach draußen. Das ausführliche Dossier finden Sie hier.


Haus Familie Bing

Mathilde Wallach war 24 Jahre alt, als sie 1914 den Kaufmann Georg Bing heiratete. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren die Bings eine gutsituierte Berliner Famillie, die mit zwei Söhnen in einer Villa im Grunewald lebte. Ein Zuhause, um das die Bings bangen mussten, als die Nationalsozialisten begannen jüdische Menschen zu verfolgen. Die Familie trennte sich, die Kinder wurden gerettet. Über das Schicksal der Eltern geben Briefwechsel Auskunft.

In Berlin wurde ab Mitte der 30er Jahre die Ausgrenzung von Juden offen vorangetrieben. Im Villenviertel Grunewald, wo viele Juden wohnten, wurde in der Pogromnacht des 9. November 1938 die Synagoge zerstört.

Die offene Gewalt gegen Juden zeigt auch der Familie Bing immer deutlicher, wie gefährlich Deutschland wird. So verabschieden sich Mathilde und Georg Bing am Ende der 30er Jahre von ihren Söhnen Heinz und Gerhard. Den gerade 20-Jährigen gelingt es noch, nach Großbritannien zu emigrieren.

Dort angekommen schreiben die Söhne verzweifelt Briefe an ihre Eltern. Sie versuchen alles Mögliche in die Wege zu leiten, um den Eltern ebenfalls zur Emigration zu verhelfen. Im März 1939 drängt Gerhard in einem Brief:
Brief Gerhard

„Lieber Vati, liebe Mutti, […] Es gibt nur einen Weg für Euch beide herauszukommen. Für Vati durch eine Garantie, und für Mutti eine Haushaltsstellung. Dazu ist es unvermeidlich, dass ihr Euch scheiden lasst. […] Ihr müsst, so schwer und kompliziert der Schritt ist, ich weiß das, eben auch alles tun, was in Eurer Macht steht. Genauso wie wir das Unsere tun und getan haben.“

Zuhause im Grunewald versucht ein Freund der Familie, Joachim von Pappritz, den Bings zu helfen. Der Geschäftsmann ist nicht jüdisch und verfügt über einige Reputation. Auch an ihn gehen jetzt die Bitten der Söhne:
Söhne mit Joachim Pappritz

„Bitte, bitte hilf Mutti in dieser Angelegenheit. […] Sie soll bloß schon jetzt anfangen, soweit es geht ihre Sachen in Ordnung zu bringen, dass sie bald den Pass bekommen kann. […] ich glaube bald im Besitz der Summe zu sein, mit der ich die permits kaufen kann. […] Mutti sowie Vati muss die Auswanderung unbedingt mit Hochdruck betreiben[…] es kommt nicht in Frage, dass Mutti eine Stunde länger in Deutschland bleibt […].“

Die Söhne spüren, wie die Zeit verrinnt. Jeder Tag mehr in Berlin könnte ein Tag zu spät sein.

Söhne mit Joachim Pappritz

„Ich komme jetzt zu dem Brief, den ich eben von Vati erhalte. […] Wenn Vati solange warten will, wird es zu spät sein.“

Vielleicht fürchten sich die Eltern, die Heimat zu verlassen – vielleicht ist die Angst zu groß, bei einer Flucht von den Nazis gefasst und verhaftet zu werden.

Was die Nachkommen heute erzählen:

Vivien Nash versucht Antworten zu finden. Sie ist die Enkelin von Mathilde und Georg Bing und die Tochter von Gerhard. Heute lebt Vivien in Australien und beschreibt ihre Vermutungen in einer E-Mail:

„I can only surmise that they did not leave earlier because they could not believe what was happening until too late and that Tilli thought she might be safe with her non-Jewish friend who was trying to protect her.“ – „Ich kann mir nur vorstellen, dass sie nicht früher gegangen sind, weil sie sich nicht vorstellen konnten, was passierte, bis es dann zu spät war. Und dass Tilli dachte, sie sei sicher unter dem Schutz ihres nicht jüdischen Freundes.“

Auch Thomas von Pappritz, der Sohn Joachims, weiß heute zu erzählen, wie sich Mathilde beschützt fühlte. Joachim habe sie lange vor der Gestapo abschirmen können. Dabei hätten beide zueinander gefunden und sich geliebt. Doch in dieser Zeit treffen immer mehr Briefe von den Söhnen ein und so trifft Mathilde Anfang 1943 eine Entscheidung. So hört sie von einer angeblich sicheren Fluchtmöglichkeit nach Schweden und macht sich auf den Weg. Joachim von Pappritz beschreibt die Flucht in einem Brief aus dem Jahr 1946 so:

Flucht nach Schweden

„Die Sehnsucht nach ihren Kindern ließ Tilli [..] nicht ruhen. Sie nahm durch ihren alten Diener Verbindung mit einem angeblichen Lademeister in Rostock auf, der sie schwarz nach Schweden bringen wollte. Tilli kam auch wohlbehalten und gut ausgerüstet mit Hilfe von falschen Papieren nach Rostock.“

Der Entschluss ist fatal: Mathilde Bing erwartet nicht die Freiheit, sondern eine Falle:

„Dort entpuppte sich dieser biedere Lademeister aber leider als Spitzel der Gestapo und lieferte Tilli und noch ein anderes jüdisches Ehepaar der Gestapo aus. Sie musste dort mehrere Tage im Gefängnis zubringen […] und wurde dann nach Berlin überführt. Nur durch Zufall hatte ich dies alles erfahren, sodass ich hier in Berlin, trotz ihrer hermetischen Abschließung wenigstens schriftlich mit ihr in Verbindung treten und ihr auch Lebensmittel zukommen lassen konnte.“

Brief aus dem Gefängnis

„Wir wohnen zu 7 Personen (gemischt) in einem kleinen Zimmer.[…] die Schlafdecke ist gestohlen. Und alles Geld und Wertsachen fortgenommen. Ich hätte so gern eine warme Decke!“

Die Situation ist bedrückend:

„Ich versuche nur von einer Stunde zur anderen zu denken. Man muss sich ganz verschließen, sonst macht einen das furchtbare Elend was um uns ist, ganz krank.“

Brief aus dem Gefängnis

Doch Mathilde Bings größte Sorge gilt den Menschen, die sie liebt:

„Ich will weiter nichts als versuchen, dass von euch keiner ins Unglück kommt. Es ist genug, dass ich drin bin.(…) Wenn du nur unbehelligt bleibst, dann will ich alles ertragen.“

Joachim von Pappritz kann in diesen Monaten zu Mathilde Kontakt halten und ihr Pakete zu schicken.

„Es ist ja tatsächlich die einzige Freude, die man hier noch hat, wenn man Liebes- und Lebenszeichen von außen bekommt.“

Söhne mit Joachim Pappritz

„Ich will bis zum Ende die Hoffnung nicht aufgeben, dass ich durchhalte, aber mein Verstand weiß genau, dass es das Ende ist. Man fährt im Güterwagen eingeschlossen, […] Wir sollen tatsächlich nach Auschwitz kommen, nicht unterwegs vergast werden, was ja das Beste wäre.“

Im Vernichtungslager Auschwitz werden Mathilde und Georg Bing von den Nationalsozialisten ermordet. Den Söhnen hinterlässt die Mutter einen Abschiedsbrief:

Söhne mit Joachim Pappritz

„Meine geliebten beiden Jungen! Nun ist es endgültig so weit, morgen kommen wir fort. (…) ich will euch nur sagen, dass ich alles versucht habe, um diese Zeit zu überleben, […]Immer hatte ich diese schreckliche Sehnsucht nach Euch beiden. Ihr müsst es fühlen, wie lieb ich Euch habe. […] Lebt wohl ihr beiden, ich kann nun nicht mehr, sonst muss ich weinen, und ich will stark bleiben bis zuletzt. In Gedanken küsse ich Euch tausendmal, In großer, großer Liebe, Mutti.“

Die Söhne Heinz und Gerhard Bing lebten bis in die 90er Jahre unter anderem in London und Santiago de Chile. Nach Deutschland kehren sie nie zurück. Einige Nachkommen sind in heute in Großbritannien und Australien zu Hause.

Ausweis

Gerry Bing spielt Saxofon
Autorin: Johanna Kleinschrot

Quellen: Wir danken dem Jüdischen Museum Berlin, dem Landesarchiv, sowie den Nachkommen der Familie Bing für die Hilfe und Unterstützung!

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