Familie Danziger/Gollop


Drei Generationen der jüdischen Unternehmerfamilie Danziger / Gollop aus Charlottenburg wurden von den Nationalsozialisten erst in den wirtschaftlichen Ruin und später in Tod und Vernichtung getrieben.

Inventarliste

Anfang der 30er Jahre lebten die Gollops in einer großbürgerlich eingerichteten Wohnung in der Wilmersdorfer Güntzelstraße 16. Doch schon 1933 emigrierte Sohn Herbert Gollop im Alter von nur 13/14 Jahren nach Schweden. Die zurückgebliebenen drei Generationen versuchten durchgehend, wirtschaftlich aktiv und selbstständig zu bleiben. Sie gerieten jedoch alle an den Handelskammer-Referenten Grasshoff, der für die Löschung ihrer Firmen sorgte. Es sind nicht ausschließlich Boykotte und Pogrome, rechtliche und alltägliche Diskriminierung, die jüdische Geschäftsleute letztlich in den Ruin trieben – der Ruin der Familie Danziger-Gollop zeigt sich in nüchternen Verwaltungsakten.

1941 wurden Theodor Gollop und seine Tochter Steffi über das Sammellager in der Levetzowstraße deportiert.

Steffi Gollops Engros-Handel mit künstlichen Blumen

Steffi Gollops Cousine Ruth erinnert sich:

„Mein Onkel hat für meine Cousine ein Geschäft eingerichtet. Ich kann mich erinnern, dass sie dieses Geschäft in der Leipziger Straße in Berlin führte. An einen Laden kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an ein Etagengeschäft, das aus mehreren Räumen bestand. In diesen Räumen wurde auch Personal beschäftigt. […] Es handelte sich um ein Geschäft hauptsächlich [zur] Herstellung von künstlichen Blumen, aber auch [von] Gürtel[n] und modische[m] Zubehör.“

Name ‚Steffi Golop’ im Berliner AdressbuchGanz so einfach machten die Nazis der jungen Jüdin das Führen eines eigenen Geschäfts aber nicht. Als Steffi Gollop 1936 mit 24 Jahren ihr Geschäft eröffnet, kann sie zwar monatlich steigende Umsätze und mehrere Angestellte vorweisen, dennoch wird ihr eine Eintragung in das Handelsregister zunächst verweigert.

„Aufgrund des geringen Gewerbekapitals liegt ein vollkaufmännisches Unternehmen offensichtlich noch nicht vor.“

Verfasser ist Erich Grasshoff, Rechtsanwalt und Referent der Berliner Industrie- und Handelskammer. Über Jahre hinweg trug er immer wieder zum Ruin der Familie bei. In diesem Fall ging es für Steffi Gollop erst einmal gut aus: Nachdem sie einen Rechtsanwalt einschaltete, erreichte sie 1937 die Eintragung des Geschäfts in das Handelsregister und zog in die Leipziger Straße 93. Auch sonst scheint sie auf Eigenständigkeit wert gelegt zu haben. Ihre Cousine Ruth schreibt:

„Meine Cousine fuhr einen eigenen Wagen. Sie richtete sich später eine eigene kleine Wohnung in der Grolmannstraße recht elegant ein.“

Großvater – Siegfried Danzigers Verlag mit Postkarten

BittbriefNoch bevor IHK-Mann Grasshoff der Eintragung von Steffi Gollops Firma in das Handelsregister zustimmt, nimmt er ihren Großvater ins Visier: Siegfried Danziger ist Inhaber des Gustav-Liersch-Verlages, der Postkarten von Angehörigen des Hochadels und Militärs vertrieb, aber 1926 in Konkurs ging. Nachdem Grasshoff die Löschung des Verlages fordert, bittet Siegfried Danziger in einem Brief vom April 1937, davon Abstand zu nehmen – in einer Sprache, die selbst wie ein Echo der Kaiserzeit klingt:

„Empfing ihre werte Zuschrift […] und bitte höflich von der Löschung der Firma Gustav Liersch + Co, dessen alleiniger Inhaber ich bin und welche seit über 50 Jahren besteht, gütigst Abstand zu nehmen, da ich begründete Aussicht habe, dieselbe mit den noch bestehenden Verlagsrechten und den noch vorhandenen kleinen Vorräten […] zu verkaufen. Ich selbst stehe im 79. Lebensjahr, habe in der Inflationszeit mein ganzes Vermögen verloren und hoffe durch den Erlös […] mir meine letzten Lebensjahre etwas erleichtern zu können.“

Ein Aufschub wird zwar gewährt, doch der Verkauf scheitert. Darauf reagiert Erich Grasshoff:

„Danziger hat den Gewerbetrieb auch in der Zwischenzeit nicht aufgenommen. Er will die Firma verkaufen und bittet um eine weitere Frist von 4 Wochen. Es sollen einige Verlagswerte (Postkarten vom Kaiser usw.) vorhanden sein. Von der Möglichkeit der Wiederaufnahme eines vollkaufmännischen Unternehmens kann unter diesen Umständen keine Rede sein.“

Im Dezember 1937 – zum 79. Geburtstag – steht Danziger vor der Wahl, die Löschung der Firma zu beantragen, einen begründeten Einspruch einzureichen oder aber ein hohes Bußgeld zu zahlen. In den Rechtsweg scheint er kein Vertrauen zu haben, jedenfalls beantragt er gezwungenermaßen die Löschung des Verlages, bittet aber um Erlass der damit verbundenen Kosten:

„Ich stehe im 80. Lebensjahr, habe mein ganzes Vermögen verloren und lebe von einer Kleinrentner-Unterstützung von monatlich 20 Mark und der Unterstützung meiner Kinder.“

Vater – Theodor Gollop, selbstständiger Handelsvertreter

Theodor Gollop

Theodor Gollop

1937 muss Siegfried Danzigers Schwiegersohn Theodor Gollop seine Tätigkeit als selbstständiger Handelsvertreter aufgeben, und wird im Geschäft seiner Tochter Steffi Gollop tätig. Erich Grasshoff beantragt noch im selben Jahr auch die Löschung von Theodor Gollops Firma – und lässt sogar am selben Tag auch gegen Schwiegervater Siegfried Danziger vorgehen.

Auch Theodor Gollop bittet um einen Aufschub, will nach auslaufen seines Vertrages wieder versuchen, als Handelsvertreter zu arbeiten. Er erhält zwar den Aufschub, eine Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Vertreter ist ihm aber nicht mehr möglich. Erich Grasshoff veranlasst daraufhin die Löschung auch dieser Firma.

Verfolger – Erich Grasshoff

Im Jahr 1938 veröffentlicht Erich Grasshoff einen Artikel im „Wirtschaftsblatt der Industrie- und Handelskammer zu Berlin“. Er begrüßt Reformen des NS-Staates, die der IHK einen größeren rechtlichen Einfluss bei Handelsregistersachen sichern. Hauptaufgabe sei das Vorgehen gegen Firmenmissbrauch …

„[…] auch gerade gegen die nichteingetragenen Nichtkaufleute, die durch Annahme einer hochtrabenden oder sonst unzulässigen Firma den Anschein eines Vollkaufmanns zu erwecken versuchen und oftmals die Belange des soliden Handelsstandes schwer schädigen.“

8Auch wenn die Rhetorik zumindest ideologische Nähe zum Antisemitismus erkennen lässt – offen antisemitisch ist sie nicht. Erich Grasshoff wendet nüchtern bis restriktiv Gesetze an, die von den Nazis verschärft, aber nicht gemacht wurden. Und dennoch trägt er so nach Kräften zur Vernichtung jüdischer Existenzen und auch zum Ruin der Familie Danziger / Gollop bei.

Vernichtung und Tod

1939 muss die Familie Gollop ihren Schmuck zwangsweise im Pfandleihhaus Jägerstraße 64 abliefern – soweit sie ihn nicht schon vorher aus wirtschaftlicher Not verkaufte. Im selben Jahr kommt Steffi Gollops Gewerbebetrieb zum erliegen. Als ihre Wohnanschrift wurde von Behördenseite nur noch ein Hotel am Kurfürstendamm 45 ermittelt.

Grabstein Frieda Danziger

Grabstein Frieda Danziger, Abt. IV, Feld B, Reihe 4

1941 stirbt Siegfried Danziger im Alter von 81 Jahren einen natürlichen Tod. Er wird auf dem weitläufigen Gelände des Jüdischen Friedhofs in Weißensee im Grab seiner Frau beigesetzt. Heute ist das Grab vergessen, an Siegfried Danziger erinnert nicht einmal eine eigene Inschrift. Denn 2 Monate später, am 17.11.1941 erfolgte die Deportation von Theodor Gollop, seiner Frau Erna Perel Gollop und Steffi Gollop.

Das gesamte noch vorhandene Wohnungsinventar wurde von der Gestapo beschlagnahmt. Über das Sammellager in der Levetzowstraße erfolgte die Deportation der Familie in das Ghetto Kowno in Litauen. Dort wurden sie noch Ende November 1941 ermordet.

Als Einziger überlebte Herbert Golop. Er ging nach Israel, arbeite dort als Agronom, und verstarb nach der Jahrtausendwende in hohem Alter.

Autor:
Alexander Valerius
Ko-Recherche: Johannes Czakai
Quellen: Landesarchiv Berlin und Gedenkstätte Yad Vashem – wir danken für die freundliche Hilfe und Zusammenarbeit!

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