Familie Vandewart


Eugen Vandewart Anna Vandewart

Eugen Vandewart (*21.9.1885) und seine Frau Anna (*28.12.1885) sahen im Hinblick auf eine Deportation im Freitod die letzte Möglichkeit, ihre Würde zu wahren. Am Abend des 10. November 1941 gingen sie gemeinsam in den Tod und hinterließen ihren drei Töchtern einen Abschiedsbrief.

Anfang November 1941 erhielten Eugen und Anna Vandewart aus Berlin-Charlottenburg den Deportationsbescheid. Die Hoffnung, ihre Töchter im Ausland noch einmal zu sehen, war endgültig zerstört. Angesichts des bevorstehenden Schicksals entschieden sie sich gemeinsam für den Freitod.

„Liebste Kinder!
Was wir jetzt tun werden, tun wir, um ein quälendes unwürdiges Leben abzukürzen. Es muß Euch ein befreiender Gedanke sein, uns im Frieden zu wissen, als gequält u. gefaßt u. innerlich zermürbt, fern der Heimat zu vegetieren.

Wir sind jetzt ganz ruhig und heiter, wie schon lange nicht. Wir haben zu Abend gegessen, trinken jetzt Wein u. gehen dann in die Küche zu unserem letzten Schlaf.
Denkt an die Zeit vor 3 Jahren, so sind jetzt die Tage und Nächte gewesen, schlimmer noch, da jetzt Aussicht auf Rettung unmöglich scheint. Wir sind zu alt, um noch andere Zeiten zu erwarten; haltet ja gut durch. Haltet euch stark u. sauber u. innerlich intakt. Und trauert nicht um uns, es wird uns wohl sein, wenn alles überstanden ist. Es starben jetzt so viele Menschen in der Blüte der Jahre. Schwer ist der Gedanke von euch nichts mehr zu hören, [daß nun] die Zukunft vor uns läge, müßten wir damit rechnen, auch im Leben sehr lang nichts von euch zu hören. Eine Hilfe und ein Trost können wir Euch auch nimmer sein.

Aber werdet nicht bitter! Daß schwere Leben, daß ihr führen müßt, wird Euch anders ergehen, als das gesicherte Dasein unserer Jugend es konnte.

Aber ehe ich Euch im Elend wüßte, verfolgt und gehetzt, lieber wüßte ich Euch tot. Und so müßt ihr auch unser Fortgehen auffassen. Meine letzten Gedanken werden euch gelten. Eure Mutter

Mein ganzes Denken und Fühlen ist mit Euch.
Euer Vater“

Haus Kirschenallee

Familie Vandewart

Bis zu ihrem Tod lebten die Eheleute Vandewart in einer großzügigen Wohnung im gediegenen Berliner Stadtteil Westend in der Kirschenallee 5. Die Wohnung lag nah an Siemensstadt, wo Eugen Vandewart als Diplom-Ingenieur arbeitete.
Anna und Eugen bekamen insgesamt drei Töchter.

Das Leben der Vandewarts war typisch für das der damaligen gehobenen Mittelschicht. Eugen war für die finanzielle Versorgung der Familie zuständig, während Anna sich um den Haushalt und die Töchter kümmerte. Haus Kirschenallee

Durch Eugens lukrative Tätigkeit konnte den Kindern eine angenehme Jugend geboten werden, mit Musikstunden und Ausflügen.

Der Alltag der Vandewarts, in dem der jüdische Glauben nur eine marginale Rolle spielte, glich dem vieler assimilierter Juden in Berlin. Durch die politischen Veränderungen in Deutschland wurde dieses solide Dasein zunehmend von außen bedroht; die Familie bekam die nationalsozialistische Politik und ihre Diskriminierung vermeintlich „Anderer“ am eigenen Leib zu spüren.

Die älteste Tochter spielte seit ihrer Jugend Cello und wurde 1930 an der berühmten Berliner Hochschule für Musik aufgenommen. Sie lernte drei Jahre später einen Studenten aus Düsseldorf kennen und lieben.

Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 verschlechterte sich die Situation für jüdische Mitbürger zusehends. Auch die älteste Tochter war direkt von diesen Maßnahmen betroffen und wurde von der Musikhochschule exmatrikuliert.

Das Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze 1935, die Zunahme öffentlicher Gewalt gegenüber Juden, der „Anschluss“ Österreichs im März 1938 und schließlich die Pogromnacht im November desselben Jahres markierten die zunehmende „rassenpolitisch“ begründete Verfolgung der späten 1930er Jahre.

Die politische Bedrohung brachte die Schwestern Vandewart dazu, Deutschland schnellstmöglich zu verlassen. Mit viel Mühe bekamen sie Ausreisegenehmigungen und fanden Bürgen im Ausland. Eugen war zu diesem Zeitpunkt bereits als Zwangsarbeiter in Siemensstadt verpflichtet und hatte einen kurzen Aufenthalt im Konzentrationslager Sachsenhausen hinter sich.
Die Töchter brachen im April 1939 zunächst nach England auf. Eine machte sich dann auf den weiten Weg nach Neuseeland; die zweite blieb in England, und die dritte zog nach New York. Ihre Eltern mussten sie schweren Herzens zurück lassen, da für Eugen und Anna eine Ausreise nicht mehr möglich war.

Mit Beginn des Krieges 1939 nahm die Diskriminierung jüdischer Menschen durch die Nationalsozialisten weiter zu: Sperrstunden ab 20 Uhr, beschränkte Einkaufszeiten, die den Lebensalltag vieler zur Zwangsarbeit verpflichteter Juden unmöglich machte. Der „gelbe Stern“, im September 1941 verpflichtend eingeführt, machte die alltägliche Diskriminierung und Stigmatisierung nun auch öffentlich sichtbar. Ab Oktober 1941 schließlich wurden die ersten Juden aus Deutschland in Richtung Osten deportiert.

Haus Kirschenallee
Vom Tod ihrer Eltern erfuhren die Kinder durch das Rote Kreuz. Der an sie gerichtete Abschiedsbrief der Eltern erreichte sie jedoch nie. Die Kriminalpolizei vermerkte lediglich, es gäbe keine im Inland lebenden Verwandten und schloss die Akte für immer. Gemäß ihres letzten Willens wurden Eugen und Anna Vandewart verbrannt und auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee bestattet.

Enkel und Urenkel in Neuseeland

Erst durch die Recherchen im Rahmen des gemeinsamen Projektes von Inforadio und Humboldt-Universität ist der Abschiedsbrief der Eltern in den Akten des Landesarchivs Berlin aufgetaucht. Durch den Kontakt zu einem der Enkel in Neuseeland gelangte der Brief endlich dahin, wo er schon vor über 70 Jahren hätte ankommen sollen. Die Vorstellung, dass zumindest eine Tochter die letzten Worte ihrer Eltern, voll Würde und Liebe zu den Kindern, nun doch noch lesen kann, ist eine unglaubliche Freude für uns.

Autoren: Anne Vitten und Wiebke Zeil
Quellen: Landesarchiv Berlin – unser besonderer Dank gilt Frau Welzing-Bräutigam, Gedenkstätte Yad Vashem
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