Jüdische Familiengeschichten: Ehepaar Freund


Das Berliner Ehepaar Hilde und Arthur Freund verliert unter dem nationalsozialistischen Verfolgungsdruck sein gesamtes Vermögen. Kurz vor der heimlich geplanten Ausreise in die Schweiz wird Arthur Freund von der Gestapo verhaftet und stirbt nach der Entlassung an den Folgen der brutalen Haft.

Hier können Sie die Reportage hören.


Ein Banksafe in der Friedrichstraße – Ort der Hoffnung

Banksafe

Berlin, 1940: Eine Filiale der Berliner Disconto-Bank AG an der Friedrichstraße 210, Ecke Zimmerstraße: Das Berliner Ehepaar Hilde und Arthur Freund blickt in seinen Banksafe. Sie sind gekommen, um sich gemeinsam ihre Wertpapiere anzusehen. Wertpapiere, die ihre letzte Hoffnung auf eine Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland sind. Sie sollen die Ausreise in die Schweiz finanzieren. Denn Arthur Freund gilt laut NS-Ideologie als Jude. Arthur rechnet seiner Ehefrau Hilde vor, dass die Wertpapiere insgesamt mindestens 25.000 Reichsmark wert sind. Diese 25.000 Reichsmark sind der letzte Teil des Vermögens, das das Ehepaar Freund vor den Nationalsozialisten retten konnte – versteckt in dem Banksafe in der Friedrichstraße.

Verfolgung und Enteignung

Seit mehreren Jahren litt das Ehepaar unter starkem Verfolgungsdruck. Im Entschädigungsverfahren sechs Jahre nach Kriegsende schildert Hilde Freund:

Im Jahr 1937 mussten wir unser Landhaus in Groß-Glienicke zwangsweise unter Preis verkaufen, weil unser Verbleiben dort wegen tätlicher Judenverfolgung nicht mehr möglich war. Nun folgten sehr schwere Jahre, in denen wir viel umhergestoßen wurden. In keiner Wohnung war langer Verbleib, immer wieder mussten wir teure Umzüge machen, um uns ein Asyl zu schaffen für kurze Zeit, was bei der zunehmenden Herzkrankheit meines Mannes sehr schwer fiel.

Die Freunds mussten ihren gesamten Besitz verkaufen

Sechs Umzüge innerhalb von sieben Jahren. Und der Verfolgungsdruck wuchs weiter. Im Herbst 1938 wurde Arthur Freund von der Gestapo verhaftet. Der Vorwurf: Arthur Freund betätige sich als Agent. Seine geschäftlichen Kontakte ins Ausland machten ihn für die Gestapo verdächtig. Gestapo-Beamte durchsuchten seine Wohnung und rafften den Schmuck seiner Frau Hilde zusammen. Knapp zwanzig Jahre später schildert sie im Rückerstattungsverfahren, dass die Gestapo sie damals aufforderte ihren Schmuck:

„[…] an die städtische Pfandleihanstalt Berlin-Mitte in der Jägerstr. abzuliefern und die Belege darüber im Polizeipräsidium Alexanderplatz vorzuzeigen. Um die Freilassung meines Mannes zu erreichen und aus Angst führte ich diese Aufforderung umgehend aus. Nach einigen Wochen kam dann auch mein Mann wieder nach Hause.“

Schmuck musste verkauft werden

Die Folgen der Haft

Arthur war von der zweieinhalbmonatigen Haft sichtlich gezeichnet. Dazu Hilde Freund im Entschädigungsverfahren:

„Mein Mann hatte starke Verletzungen, Schwellungen und Blutergüsse am Kopf, Rücken und am Unterleib. Beide Füße waren sehr geschwollen, die Zehen vereitert, mein Mann war nicht fähig, selbst einen Arzt aufzusuchen, daher baten wir Herrn Dr. Brasch ins Haus zu kommen. Die Behandlung dauerte mehrere Monate.“

Danach wurde Arthur Freund immer wieder verhaftet und verhört. Dem Ehepaar wurde klar, dass ein sicheres Leben für sie in Deutschland nicht mehr möglich sein würde. So planten sie ihre Emigration. Dafür verkaufte Arthur Freund seine Firmenanteile an der Mode-Journal-Centrale Arthur Tichauer. Aus deren Leitung war er zuvor bereits herausgedrängt und durch einen nicht-jüdischen Kaufmann ersetzt worden. Seine Wertpapiere musste Arthur Freund verstecken.

Verletzungen

Damit wollte er für sich und seine Frau ein neues Leben in der Schweiz ermöglichen. Er glaubt, dass sie sich damit ein kleines Haus in Zürich kaufen und eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen könnten. Die Unterlagen über den rettenden Banksafe trug Arthur Freund immer bei sich. Dabei hatte er ständig Angst, dass sein verstecktes Vermögen eingezogen werden könnte.

Mitte des Jahres 1940 gab es einen neuen Hoffnungsschimmer für das Ehepaar Freund. Sie erhielten einen Brief vom Züricher Bürgermeister. Ein Freund des Ehepaars war Mitglied im Züricher Stadtrat und hatte sich beim Bürgermeister für sie eingesetzt. Der Bürgermeister sicherte Arthur und Hilde Freund zu, dass sie in Zürich eine Wohnung bekommen würden. Außerdem wollte er sich für eine Einreisegenehmigung stark machen.

bild 6

Die Ausreise schien jetzt in greifbarer Nähe. Der hoffnungsvoll stimmende Brief wurde dem Paar aber wohl zum Verhängnis. Denn eine Woche später verhaftete die Gestapo Arthur Freund, diesmal ohne Angabe von Gründen. Nach der Rückkehr von dieser Verhaftung im Jahre 1940 war Arthur Freund laut Aussage seiner Frau Hilde „seelisch gebrochen, körperlich krank und völlig verängstigt“. Arthur Freund wurde klar, dass er alles verloren hatte. Er verzweifelte an seiner völligen Mittellosigkeit und Ausweglosigkeit. Immer wieder sagte er zu seiner Frau:

„Es ist alles weg und es ist alles aus, zu dem Banksafe brauchst du nie mehr hinzugehen. Man hat uns völlig ruiniert und alles weggenommen.

Über Einzelheiten durfte er mit seiner Frau nicht sprechen. Das hatte er bei der Gestapo unterschreiben müssen. Die Hoffnung auf eine Ausreise war damit zunichte gemacht. Seitdem lebte Arthur Freund in ständiger Angst, verschleppt zu werden. Er sorgte sich um die Zukunft seiner Frau. Von der Verzweiflung nach dieser letzten Verhaftung konnte er sich nie wieder erholen. Wenig später, am 16.11.1940, verstarb er im Jüdischen Krankenhaus.

Vergeblicher Kampf um Entschädigung und Rückerstattung

Hilde Freund stellte 1951 einen Antrag auf Entschädigung und Rückerstattung. Sie kämpfte zwölf Jahre lang um ihr Recht. Im Entschädigungsantrag schrieb sie über die Zeit nach dem Tod ihres Mannes:

„Durch fortlaufende schreckliche Ereignisse in der nächsten Verwandtschaft, die ich nicht alle zu Papier bringen möchte, die mich auf tiefste erschütterten, da über zwanzig Angehörige in KZ und Gaskammern umgekommen sind, war ich so verstört, dass ich keine Besserung meiner Leiden finden konnte. Am 23. November 1943 verlor ich durch Feindeinwirkung in der Barbarossastr. 13 meine letzte Habe. Ich bin total ausgebombt.“

Ausgebombt

Hilde Freund hatte keinen Hausstand und keine Papiere mehr. Sie konnte so auch keine Belege für ihren Antrag liefern. Fast zwanzig Jahre wartete sie auf eine Entschädigung. Das Ende des Verfahrens erlebte Hilde Freund nicht mehr. Sie starb 1963. Das Urteil fiel erst zwei Jahre später. Eine Erbengemeinschaft aus Verwandten von Hilde Freund bekam den Wert des Schmuckes und einen Bruchteil der Wertpapiere ausgezahlt.

Autoren: Helen Wagner, Marian Spode-Lebenheim
Quellen: Landesarchiv Berlin (Besonderen Dank an Frau Welzing-Bräutigam)
Entschädigungsbehörde Berlin (Besonderen Dank an Herrn Zarkow und Herrn Dallmann)

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