Familie Lindenberg



Affidavit – Ausschnitt Hamburg-American-Line Über zwei Jahre dauert der Kampf der jüdischen Familie Lindenberg für ein USA-Visum, damit die Eltern ihren Kindern in die Freiheit folgen können. Doch am Ende ist er vergeblich, die Eltern werden deportiert und ihre Spur verliert sich in Minsk. Im Februar des Jahres 1939 erhält das in Schmargendorf lebende Ehepaar Edith und Willy Lindenberg ein Schreiben des Amerikanischen Konsulats:

„Das Generalkonsulat teilt Ihnen hierdurch mit, dass Sie auf der deutschen Warteliste unter den folgenden Nummern eingetragen sind: 49657, —58,—59, —60.“

Mit diesem Schreiben beginnt der fast 2 1/2 Jahre andauernde Kampf der jüdischen Familie Lindenberg um ein Visum und die erhoffte Emigration nach Amerika – für die Lindenbergs eine Chance der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Eine der zahlreichen Bedingungen, die Ausreisewillige erfüllen müssen, ist die Vorlage eines sogenannten ‚Affidavits‘.

Was ist ein Affidavit? Ein Affidavit ist in diesem Fall eine notariell beglaubigte Bürgschaftserklärung. Der in New York lebende Henry Moses stellt es für die Familie Lindenberg aus. Dadurch soll sicher gestellt werden, dass die Familie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. Affidavit – Ausschnitt Hamburg-American-Line Aufgrund der zunehmenden Zahl Ausreisewilliger haben die USA Einreisequoten festgelegt. Sie sollen die Zahl der Emigranten regulieren.

Gerettete Kinder Nach dem Novemberpogrom 1938 wird die Situation für Juden in Deutschland immer gefährlicher. So entschließen sich die Lindenbergs, ihren Sohn Walter nach England zu schicken. Walter gehört – wie später seine ältere Schwester Helga – zu etwa 10.000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen, die in dieser Zeit nach England ausreisen können. Am 14. April 1939 schreibt die Familie Walter einen Brief:

„Liebes Brüderchen! Tue deiner lieben Schwester nur den einen Gefallen und eröffne keine Fischfutterfabrik! Walter Lindenberg und Co.! Hoffentlich kann dir das Co. bald folgen.[…]Die Mutter schreibt an Walter Nun wird alles zum Erlebnis, was Du in der Schule in der Erdkundestunde gehabt hast und so wirst Du Deinen Kameraden viel zu erzählen haben. Sei innig geküsst von Deiner Mutti“

Am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen, damit beginnt der Zweite Weltkrieg. Einige Tage davor schreiben die Eltern ihren Kindern:

„Es ist Gottes Fügung, dass ich nicht bei Euch sein kann und soll, wenn es sein Wille ist, so sehen wir uns wieder und wollen wir nur beten, dass Gott seine schützende Hand über uns, über diejenigen hält, die sich lieben und nochmals eine Strecke Weg zusammen gehen und arbeiten wollen!“

Während die Kinder in England in Sicherheit sind, harren die Eltern weiter geduldig in Berlin aus und berichten regelmäßig vom Kampf um ein Visum und die damit erhoffte Zusammenführung der Familie:

„Da wir 49600 haben, wird es wohl Anfang nächsten Jahres werden, (…) dass wir die Papiere zur Einsicht dem Konsulat vorlegen sollen. Dann werden diese auf Herz und Nieren geprüft und wohl diverse Rückfragen gehalten (…)“ „Zur Zeit ist hier die Nummer 47000 dran, sodass wir damit rechnen, im kommenden Quotenjahr, d.h. also vom 1.Juli ab, aufgerufen zu werden.“

Im Sommer 1940 – die Eltern in Berlin sind nun schon über ein Jahr von ihren Kindern getrennt – scheint Vater Willy seine Hoffnung zu verlieren.

„Wer weiss, wie lange wir uns noch schreiben können, wenn nicht bald die Menschen und Völker zur Einsicht kommen, dass das der Friede unter ihnen das schönste Geschenk Gottes ist.“

Zusätzlich zum Schmerz um die Trennung von den Kindern fallen die Lindenbergs auch dem 1939 verabschiedeten Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden zum Opfer. Sie erhalten ein offizielles Schreiben, in dem ihnen ihre Wohnung gekündigt wird. Die Behörde beruft sich auf §1 und §2 des Gesetzes.Kündigung Wohnung

Jüdische Mieter sind rechtlos: Um Juden zu schikanieren und auszugrenzen, wird unter anderem am 30. April 1939 das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden erlassen. Juden wird damit jedes Recht als Mieter abgesprochen. Neben weiteren Einschränkungen erlaubt dieses Gesetz, bestehende Mietverhältnisse vorzeitig zu kündigen.

Unterdessen schaltet sich die Reichsvereinigung der Juden in die Ausreiseangelegenheit der Lindenbergs ein. So treten sie mit dem amerikanischen Bürgen Henry Moses in Briefkontakt und fordern ihn auf, fehlende Unterlagen zu schicken. Er solle sich doch als Cousin ersten Grades ausgeben, um die Ausreise auf den Weg zu bringen. In Berlin bemühen sich die Lindenbergs derweil um eine Passage. Es ist zu dieser Zeit sehr schwierig eine Fahrkarte zu erwerben, darauf macht auch die Amerikanische Botschaft in einem Schreiben aufmerksam:

„Vorzulegen ist […] ein Brief eines Reisebüros oder einer Schiffahrtsgesellschaft, aus welchem ersichtlich ist, dass eine Buchung fuer Sie auf einem bestimmten Schiff zu einem festen Zeitpunkt für Sie erhältlich ist. Bevor nicht dieses Schreiben hier eingegangen ist, findet Ihre Visumsangelegenheit keine weitere Berücksichtigung.“.

Trotz schwieriger Umstände erhalten die Lindenbergs schließlich am 5. Juni 1941 nach über zwei Jahren endlich die ersehnte Buchungsbestätigung für die Schiffspassage über den Atlantik, also die Fahrt in die Freiheit. Doch wie es vielen Verfolgten in dieser Zeit erging, so kam auch für sie die Rettung zu spät. Willy Lindenberg schreibt seinem Unterstützer in New York einen letzten in den Akten vorhandenen Brief:

Dear Mr. Moses: I want to extend to you my best wishes for the appoaching holidays will be very sad ones, our childrens not being with us, besides we haven´t heard anything of them for quiet a while. Our situation isn`t a very pleasent one either as I needn`t tell you. Three months ago we got our passag to U.S.A. through the Joint. It came too late: the America Conulates having been closed in the meantime.

Einen Monat später erhält Sohn Walter zu seinem 17. Geburtstag die letzten Glückwünsche seiner Eltern. Mithilfe des Nachrichtenvermittlungsdienstes des Roten Kreuz wünschen ihm die Eltern alles Gute: Geburtstagsglückwünsche

„Unsere heissesten Wünsche Dir, goldiger Junge, zum Geburtstage. Gottes Segen möge dich & Helga stets begleiten! Glücklich, wenn Nachricht Eures Wohlergehns bekämen. Wir gesund. Innigste Küsse Vati & Mutti“

Die Lindenbergs befinden sich im November 1941 noch immer in Berlin – das bedeutet Deportation. Am 14. November verlassen Willy und Edith Lindenberg ihre Heimat Berlin nicht auf dem großen Schiff in die Freiheit, sondern in einem Zug, der sie Richtung Osten bringt. Dort verliert sich ihre Spur in Minsk. Willy und Edith Lindenberg hatten lange die Hoffnung in die USA zu emigrieren und gemeinsam mit ihren Kindern doch noch in Freiheit und Frieden zu leben. Doch schließlich ahnt Vater Willy Lindenberg, dass er seine Kinder wohl nie wieder sehen wird: Abschiedsbrief Vater

„Ich habe Euch Beiden meine väterlichen und im eigenen Leben erhärteten Ratschläge und Ermahnungen gegeben und wenn Ihr Euch Beiden dies stets vor Augen haltet, so werdet Ihr auch ohne mich (wer weiss, wie alles kommt) durchs Leben kommen. Nur haltet Ihr beiden geliebten Geschwister stets im Leben zusammen in guter und böser Zeit, der eine sei die Stütze für den anderen und sehe nicht danach ob weniger oder mehr, sondern gebe mit dem Herzen!!, dann nur dann ist die gegenseitige geschwisterliche Liebe und der Weg des Glückes Euch beschieden. Ich bin hier leider völlig machtlos, kann Euch nichts mehr geben, sondern nur in Erinnerung sein, was ich war: Euer liebender, treusorgender Vater — und mein Schicksal hier muss ich alleine versuchen, zu meistern, denn ich glaube kaum, dass Ihr geliebte Kinder irgendwie helfen, noch den Weg ebnen könnt. Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf und nehme Euch auch nicht die Hoffnung.“

Autorin: Susanne Hahn Quellen: Jüdisches Museums Berlin – wir danken für Unterstützung und Hilfe! Bild-Signaturen: 2002_36_14, 2002_36_33, 2002_36_38, 2002_36_64, 2002_36_76 Zurück zur Übersicht