Familie Fleischmann


Am 21. Juli 1944 wurde der jüdische Schneider Martin Fleischmann an der Soldiner Brücke im Wedding von einem Lynchmob gepeinigt, geschlagen und mit Steinwürfen tödlich verletzt. Diese Tat blieb bis nach dem Krieg ungesühnt. Stolperstein Martin Fleischman Stolperstein Sonja Fleischman Am 21. Juli 1944 – einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler – gab es in Berlin-Wedding einen furchtbaren Fall von Lynchjustiz. Opfer wurde Martin Fleischmann, ein jüdischer Schneidermeister. Er lebte zusammen mit seiner nicht jüdischen Frau Elly in der Stockholmer Straße 29. Bereits in der Pogromnacht November 1938 war ihre Damenschneiderei zerstört worden und das Paar musste sich mit Auftragsarbeiten über Wasser halten. Eines ihrer Kinder war bereits 1935 Opfer des NS-Terrors geworden. Nach dem natürlichen Tod einer Zwilligstochter war die zweite namens Sonja von einem Hitlerjungen so brutal geschlagen worden, dass sie an den Folgen starb. 1944 hatte das Paar dann wieder ein kleines Kind mit Namen Michael. Martin Fleischmann galt als freundlich und hilfsbereit. Einer seiner Peiniger behauptete jedoch, Fleischmann habe Frauen und Kinder der Nachbarschaft mit Süßigkeiten für „seine Zwecke“ gefügig gemacht und im „jüdisch-bolschewsistischen“ Sinne beeinflusst. Lynchmord an der Panke Was am 21. Juli 1944 geschah, ist nicht bis in jedes Detail aufgeklärt. Zeugenaussagen im Rahmen polizeilicher Ermittlungen vom August 1944 und spätere Aussagen im Prozess nach dem Krieg gehen teils weit auseinander. Fest steht: Fleischmann wurde von mehreren Tätern mit Hieben, Tritten und Steinwürfen tödlich verletzt. Seine Frau Elly schilderte im August 1945 den Beginn des Angriffs so:

Aussage Elly Fleischman
Am 21. Juli 1944 zwischen 9 und 10 Uhr abends verschafften sich die Mitglieder der NSDAP […] unter falschem Namen Einlass in unsere Wohnung. […][Die] anderen stürzten dann in die Wohnung hinein. Überfielen mich, schlugen mich. Be. hielt mich mit einer Pistole in Schach. B. und Bö. stürmten in das Schlafzimmer, rissen die Schlafdecke hoch und schlugen meinem Mann ins Gemächt. […] Mein Mann wurde nun gezwungen, sich notdürftig anzukleiden und [sie] schafften ihn nach der Soldiner Pankbrücke. Er sollte dort, [ein] auf der Brücke befindliches Sowjetabzeichen, Sichel und Hammer, abkratzen, was er angeblich angemalt haben sollte.

Martin Fleischmann war von der NSDAP-Ortsgruppe als Sündenbock ausgemacht worden. Nach seiner Entführung sammelte sich am Flüsschen Panke eine Menschenmenge von vielleicht mehreren Dutzend Menschen – Angaben variieren zwischen 15 bis 150 Personen. Während er gezwungen war, die Schrift mit einem Stein zu entfernen, wurde Martin Fleischmann heftig geschlagen und getreten. Aus der Menge kamen dazu Beschimpfungen und Ausrufe wie: „Was? Hier gibt es noch Juden?“ Mehrmals verlor der Gepeinigte das Bewusstsein. Gegen halb elf wurde er offenbar von der Brücke in die Panke geworfen. Elly Fleischmann war selbst nicht vor Ort. Sie gibt in ihrer Aussage die Beobachtungen einer Nachbarin wieder.

[…] dann warf man ihn über das Brückengeländer in die Panke hinein und nahm, durch Bomben losgerissene Zementstücke und Steine, um sie auf meinen, in der Panke liegenden Mann zu werfen. In dem Augenblick, wo mein Mann sich aus der Panke die Böschung hinaufziehen wollte, begannen Frau K. […], Hitlerjunge W. […], K., B., Be. und verschiedene andere Mitglieder der NSDAP ein wahres Bombardement mit Steinen. […] Bei Einsetzen des Fliegeralarms warfen sie [ihn] auf eine Wiese neben der Strasse, ließen ihn dort liegen und machten sich aus dem Staube.

Während der Aktion war zwar mal ein Schutzpolizist aufgetaucht. Er hatte sich aber von den Nazis wieder fort schicken lassen. Später kam der Beamte ein zweites Mal und griff – halbherzig – ein. Sein Bericht beschreibt das Ende der Menschenjagd so:


„Bei meinem zweiten Eintreffen […] lag der Jude Fleischmann ohnmächtig in der Panke und wurde von uns herausgezogen. Nach Aussagen des unten angeführten Zeugen soll Fleischmann von B. und 2 weiteren Pgs. (von B. sofort) geschlagen worden und auf der Soldiner-Brücke so schwer misshandelt sein, dass er vor Angst in die Panke gesprungen ist. Der Ohnmächtige wurde noch in dieser Lage weiter schwer misshandelt und mit Steinen beworfen. Aussage Polizist Beim Herausholen des Schwerverletzten aus der Panke waren die Täter in der Dunkelheit verschwunden.“

Erst nach Mitternacht wurde das Opfer medizinisch versorgt – von einem Arzt aus dem Luftschutzbunker am Humboldthain. Am 1. August 1944 erlag Martin Fleischmann im Jüdischen Krankenhaus den schweren Verletzungen des Angriffs und einer daraus entstandenen Lungenentzündung. Elly Fleischmann floh aus Berlin, da man nun auch hinter ihr her war. Möbel und Hausrat der Familie wurden beschlagnahmt. Ellys Vater wurde gezwungen, sie teilweise wieder zurück zu kaufen. Elly geriet mit ihrem kleinen Sohn zwischen die deutsch-russische Front und erlitt bis Sommer 1945 schreckliche Entbehrungen. Schwer krank kehrte sie zurück nach Berlin und zog wieder in ihre alte Wohnung in der Stockholmer Straße. Stockholmer Straße Juristisches Nachspiel Wohl auch wegen der Angaben des Schutzpolizisten war es am 4. August 1944 zu polizeilichen Ermittlungen gekommen – mit der Überschrift „Leichensache“. Die drei NSDAP- Ortsgruppenmitglieder wurden damals vorgeladen und vernommen. Doch alle drei bestritten die Misshandlungen und behaupteten, diese seien von unbekannten Wehrmachtssoldaten ausgeübt worden. Die NS-Justiz stellte das Verfahren am 9. Januar 1945 ein, aus ‚Mangel an Beweisen‘. Nach dem Krieg und dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft machte Elly Fleischmann eine entscheidende Aussage und es kam zu einem Prozess. Zwei der Täter wurden 1953 zu zehnjähriger Haft verurteilt. Der dritte war nicht mehr gefunden worden und ist wahrscheinlich in den letzten Kriegsmonaten ums Leben gekommen. Den beiden anderen wurde die Haftzeit wegen vorheriger Internierungen verkürzt. Schließlich musste einer von ihnen nur fünf Jahre absitzen. Verfasser: Momchil Hristov Stefan Willi Herrmann Quellen: Landesarchiv Berlin – wir danken für die Unterstützung und Hilfe private Fotos Zurück zur Übersicht