Jüdische Familiengeschichten


Ein Kooperationsprojekt von Inforadio (rbb) und Humboldt-Universität Wie erlebten jüdische Familien die Verfolgung in der NS-Zeit? Das haben Studierende der Historischen Wissenschaften der Humboldt-Universtität Berlin im Sommersemester 2013 recherchiert. Sie lasen bisher unbeachtete Briefe und persönliche Dokumente aus Berliner Archiven. Sie fanden Kontakt zu Verwandten und Nachfahren, die diese Zeugnisse teils noch nicht kannten. In Zusammenarbeit mit Inforadio (rbb) entstanden aus diesen Funden Dossiers für das online-Projekt WEGMARKEN. Sie erzählen mit Dokumenten, Bildern und Audio-Zitaten bewegende Geschichten von Verfolgung, Verzweifelung, aber auch Hoffnung im Berlin der 30er und 40er Jahre. Familie BingFamilie Bing lebte in Berlin Grunewald, bis die Nazis ihr Zuhause zerstörten. Die Kinder konnten sich nach Großbritannien retten. Der Vater wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet; die Mutter versuchte zu fliehen, geriet jedoch in eine Falle der SS. Aus ihrer Haft schmuggelte sie Briefe nach draußen.
Familie VandewartDie drei Töchter des Ehepaares Vandewart schafften es rechtzeitig, ins Ausland zu fliehen und sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Ihre Eltern blieben in Berlin zurück. Angesichts der drohenden Deportation nahmen sie sich gemeinsam das Leben. Ihr Abschiedsbrief tauchte durch die Recherchen im Rahmen dieses Projektes erst jetzt auf und erreichte nach über 70 Jahren die letzte noch lebende Tochter.
Adressbuch DanzigerDrei Generationen der wohlhabenden Familie Danziger-Gollop wurden von der Nazi-Bürokratie in den wirtschaftlichen Ruin getrieben und ermordet. Es sind nicht ausschließlich Boykotte und Pogrome, rechtliche und alltägliche Diskriminierung, die jüdischen Geschäftsleuten die Existenz entzogen. Die Zerstörung der Familie Danziger-Gollop dokumentiert sich in nüchternen Verwaltungsakten.
Grabstein Arthur FreundDas Berliner Ehepaar Freund verlor auf Grund der Nazi-Schikanen sein gesamtes Vermögen. Kurz vor der heimlich geplanten Ausreise in die Schweiz wurde Arthur Freund von der Gestapo verhaftet und starb nach der Entlassung an den Folgen der brutalen Haft.
GeburtstagswünscheAuch die Familie Lindenberg schaffte es rechtzeitig, beide Söhne ins sichere Ausland zu bringen. Die Eltern blieben zunächst in Deutschland und kämpften zwei Jahre lang um ein Visum in die USA – vergeblich. Sie wurden deportiert. Ihre Spur verliert sich in Minsk.
Soldiner BrückeDer jüdische Schneider Martin Fleischmann, der mit einer Nicht-Jüdin verheiratet war, wurde 1944 an der Soldiner Brücke im Wedding das Opfer eines feigen Lynchmordes. Die Polizei schaute tatenlos zu. Die Verantwortlichen wurden erst nach dem Krieg ermittelt und vor Gericht gestellt. Doch nur einer musste eine geringfügige Haftstrafe von fünf Jahren verbüßen. Zum Abschluss ihrer Arbeit möchten die StudentInnen für die Verfolgten gerne Stolpersteine verlegen lassen, um in der Öffentlichkeit an sie zu erinnern. Für die Finanzierung bitten sie mit einer Online-Sammelaktion um Unterstützung auf der Crowdfunding-Seite startnext.de/stolpersteine.
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