Kaufhaus Lamm Prenzlauer Berg


Danziger Straße Ecke Schönhauser Allee – das ist mitten im quirligen Prenzlauer Berg von heute: In einem Laden hängt ein altes Foto, das Inforadio-Reporter André Tonn besonders anzog. Denn es erzählt von dem Laden und seinen Kunden in den 30er Jahren. Es führt zum jüdischer Besitzer, der vor 75 Jahren gezwungen wurde aufzugeben.

Kaufhaus Lamm einst eines der großen Warenhäuser Berlins

Berlin, Prenzlauer Berg: Es ist laut an der Kreuzung Danziger Straße/Schönhauser Allee. Hier fährt die U-Bahn auf ihrer Hochbahntrasse. Hier kreuzen sich die Schienen mehrerer Straßenbahnlinien. Auto- und Fahrradfahrer passieren die lebhafte Ecke. Viele Geschäften locken die Kunden zum Einkaufen: Berliner und ihre Gäste. Unübersehbar ist das markante orangefarbene Eckhaus hier. Wer vom U-Bahnhof kommt und die Straße überquert, steuert man fast unwillkürlich auf die Meldestelle zu, ein Textilgeschäft mit trendigen Klamotten. Kaum einer der Kunden der Meldestelle kennt allerdings die Historie dieses Geschäfts. Einst befand sich genau hier – ebenso wie heute auf zwei Etagen – das Kaufhaus Lamm. Das war eines der großen Warenhäuser im Norden Berlins. Vor 80 Jahren gehörte es dem Unternehmer Felix Neumann. 40 Angestellte arbeiteten in dessen Kaufhaus.

Boykott Jüdischer Geschäfte

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, boykottierten und terrorisierten sie den Kaufmann. Denn Felix Neumann war Jude. Für die Kunden, die heute 80 Jahre danach, hier in der Meldestelle Jacken, Hosen, Pullis und Hemden einkaufen, ist so etwas schier unvorstellbar: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen wegen einer Religion irgendwo nicht einzukaufen. Nein, hat überhaupt keine Bedeutung. Wichtig sind die Dinge, die man im Geschäft kaufen will, nicht die Religion des Ladenbesitzers. Für mich persönlich spielt das keine Rolle, weil Menschen sind Menschen“, lauten einige Antworten von Kunden. „Menschen sind Menschen“. Allerdings nicht für die Nazis. Für sie waren Andersdenkende und vor allem Juden erklärte Gegner. Einen ersten gezielten Angriff auf jüdische Geschäfte organisierten die Nationalsozialisten am 1. April 1933. Parolen rufen: „Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden! Heute Morgen um 10.00 Uhr hat der Boykott begonnen. Heil!“ Kunden jüdischer Geschäfte werden genötigt, hier nicht mehr einzukaufen.

Heute ist dort das Geschäft die „Meldestelle“

Auch das ist ein Teil der Geschichte des Prenzlauer Bergs. Die Erinnerung daran bewahren will Andreas Karsdorf, der Besitzer der „Meldestelle“. Den Namen trägt der Laden, weil sich zu DDR-Zeiten in der zweiten Etage des Geschäfts eine Meldestelle der Volkspolizei befand. An das geschichtliche Kapitel davor erinnert ein plakatgroßes Foto unmittelbar am Kassentresen. Das ist oft Anlass für Gespräche mit seinen Kunden, erzählt der Geschäftsführer: „Viele Kunden vermuten schon, dass es das Haus ist, sprechen uns darauf hin an. Sie fragen auch nach, was war da früher drin? Dann erzählen wir kurz die Geschichte, die Mitarbeiter kennen die Geschichte, dass hier immer schon Textilien am Standort waren. Und das kommt sehr, sehr gut an. Gerade durch die Größe, und weil es etwas Besonderes ist, solch ein altes Foto in der Größe an so einer repräsentativen Stelle zu zeigen.“

Felix Neumann organisierte Krippenausstellungen im Keller

Manches über die Geschichte des Kaufhauses Lamm weiß Gudrun Weber. Sie wohnt seit vielen Jahren direkt über dem Textilgeschäft. Sie erzählt, dass Felix Neumann jedes Jahr zu Weihnachten die Kinder aus dem Kiez einlud: „Zu Weihnachten wurde immer im Keller eine Weihnachtsausstellung gemacht mit Krippen. Und die Kinder der Umgebung haben sich immer schon darauf gefreut. Da sind dann die Kinder immer mit großen Augen runter.“

SA-Aufmärsche

Ab 1933 war die Ecke Danziger Kaufhaus Lamm auch ein Ort, an dem zunehmend viele Nazis aufmarschierten. Nur wenige Häuserblocks entfernt vom Kaufhaus Lamm befand sich eines der berüchtigten Sturmlokale der SA. Für den jüdischen Geschäftsinhaber Felix Neumann war das eine permanent gefährliche Situation, schätzt Christoph Kreutzmüller. Der Geschichtswissenschafter Historiker, der für die Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ arbeitet, erforscht die Geschichte der Verdrängung der Juden aus Berlin. Historiker Kreutzmüller: „Da kommen diese betrunkenen SA-Leute um die Ecke. Und wenn sie betrunken genug sind, dann richten sie natürlich Schaden an. Das ist ja doppelt aufgeladen. Einmal ist es ein jüdisches Unternehmen und es ist ein Warenhaus. Und gegen beides richtet sich das Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei-Programm. Doppelt stigmatisiert. Also insofern ist der Felix Neumann, davon können wir ausgehen, bedroht.“ Bis 1933 war der Prenzlauer Berg eine Hochburg von SPD, KPD und USPD. Doch mit dem Machtantritt der Nazis nimmt deren Druck auf jegliche politische Gegner zu. Sie werden verhaftet und eingesperrt und in Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt. Ob sich die Nachbarn von Felix Neumann an den Ausschreitungen der SA gegen sein Geschäft beteiligt haben, das wissen wir nicht, das ist nicht belegt.

Eine belebte Ecke

Damals wie heute ist die Ecke direkt an der Kreuzung und dem Hochbahnviadukt eine der belebtesten Orte im Norden Berlins. Dennoch gibt es wenige Zeitdokumente, die die Geschichte widerspiegeln. Bilder aus dieser Zeit hat Bernt Roder mitgebracht. Mit dem Leiter des Museums Berlin-Pankow habe ich mich vor dem Geschäft verabredet. „Die wenigen Bildzeugnisse zeigen die ganze Mischung und Bandbreite von akklamatorischer Zustimmung, auch SA-Leute, die sich vor dem Laden aufbauen, in Pose stellen, bis zu Leuten, denen das sichtlich unangenehm ist, dass sie in diesem Zusammenhang aufgenommen werden. Das ist sozusagen auch etwas, was zur Geschichte des Prenzlauer Berges bis 45 dazugehört“, erzählt der Leiter des Museums Berlin-Pankow.

Felix Neumann protestiert gegen Repressionen

Wer heute im Geschäft hier trendige Klamotten kauft, muss in der Regel nicht aufs Geld schauen. Anders vor 80 Jahren. Die Kunden von Felix Neumann konnten häufig nur ins Kaufhaus Lamm kommen, weil sie Berechtigungsscheine hatten. Die gab das Wohlfahrtsministerium an bedürftige Berliner aus. Mit der Machtübertragung an die Nazis verboten diese dem jüdischen Geschäftsinhaber allerdings Waren gegen Bezugsscheine abzugeben. Das aber nahm Felix Neumann nicht widerspruchslos hin. Da die Repressionen immer mehr zunehmen, setzte sich Felix Neumann im Januar 1934 in seinem Büro an die Schreibmaschine und verfasste ein Schreiben an das Wohlfahrtsministerium. Er protestierte damit gegen die Beschränkungen: „Ein großer Teil der treuen Kundschaft meines Unternehmens ist Empfänger von Bedarfsdeckungsscheinen und auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. Dieser sehr erhebliche Teil meiner Kundschaft wird dadurch, dass ihr mein Geschäft zur Deckung ihres Bedarf zur Zeit verschlossen ist, unangenehm berührt. (…) Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, im Alter von 18 Jahren habe ich mich sofort bei Kriegsbeginn freiwillig zur Fronttruppe gemeldet…Es widerstrebt mir, mich meiner Verdienste um das deutsche Vaterland rühmen zu wollen, da ich darin lediglich die Erfüllung meiner vaterländischen Pflichten erblicke“, schreibt der Besitzer des Kaufhauses Lamm. Dass Felix Neumann gegen die Beschränkungen protestiert war ein mutiger Schritt, urteilt er Geschichtswissenschaftler Christoph Kreutzmüller: „Lange Zeit haben wir das sehr verengt und immer gedacht, die Nazis kommen, sie sahen, sie siegten. Und dann waren die Juden in Deutschland halt verschwunden. Wenn man mal genauer hinter die einfachen Beschreibungen schaut, [merkt man] dass natürlich die jüdischen Berliner aufrecht standen. Sie wollten nicht einfach so ihren guten Namen, ihren guten Ruf zerstört sehen. [Da] haben sie halt gekämpft. Und der Brief von Felix Neumann ist ein Ausdruck dieses Kampfes.“

Schicksal von Felix Neumann ungewiss

Bis 1937 hat Felix Neumann den Repressionen der Nazis widerstehen können. Dann kam für ihn das geschäftliche Aus. Er musste an nichtjüdische Geschäftsleute verkaufen. Sein Unternehmen wurde „arisiert“, wie es in der Nazi-Terminologie zynisch hieß. Was aus Felix Neumann geworden ist, ob er Deutschland verlassen konnte, das ist nicht bekannt. Hier verliert sich die Spur des Berliner Juden. Allerdings – der Name des Kaufmanns Felix Neumann findet sich nicht auf den Deportationslisten ins Konzentrationslager.

Eine Reportage von André Tonn

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