Brunnenstraße 41


Die Jüdin Minna Schwarz hatte in der Brunnenstraße 41 ein Heim für junge, ledige Mütter gegründet. Die Nazis zwangen später Berliner Juden hier auf ihre Deportation zu warten. Anke Schäfer hat die Geschichte des Hauses recherchiert.

Eine sympathische alte Dame: Welliges, grau-melliertes Haar, dunkle Bluse, eine Perlenkette um den Hals. Sie lächelt jedem, der hier klingelt freundlich entgegen. Minna Schwarz. Ihr Foto auf der Gedenktafel neben der Eingangstür zu Brunnenstraße 41 fällt auf. Wir drücken auf einen der goldenen Klingelknöpfe, klingeln bei Jacobs….

Über altrosa Kacheln gehen wir durch den Hausflur des Vorderhauses in den Hof. Da steht es. Das viergeschossige Gartenhaus, das Minna Schwarz 1913 hat bauen lassen. Ihr Mann ist reich und Mitglied einer Loge, sie selbst gründet einen Frauenverein und will etwas für die sogenannten „gefallenen Mädchen“ tun. Zunächst, 1889, hier im Vorderhaus.

Minna Schwarz gründete Heim für ledige Mütter

„Es wird eine erste Zuflucht für Frauen die ungewollt schwanger sind – oder mit kleinen Kindern und daraus entwickelt sich eine große Anstalt die dann irgendwann in den 20er Jahren den Namen Minna Schwarz erhält“, erzählt Sabine Krusen.

Sabine Krusen hat auch einen Frauenverein gegründet, Brunnhilde e.V. heißt der. Daher interessiert sie sich für ihre Vorgängerin. Minna Schwarz nahm in ihrem Heim zuerst Schwangere und alleinstehende Mütter und ihre Kinder auf. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie Jüdinnen waren, oder nicht. Sie macht dann jedoch auch eine der Etagen zum Altersheim, wo sie selbst einzieht und 1936 stirbt. Ab 1933 werden jüdische Bürger und Einrichtungen von den Nazis diskriminiert.

Für die damalige Zeit ein modernes Gebäude

Doch 1934 ehrt die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ Minna Schwarz’ Arbeit noch in einem Artikel:

„Im Mütter und Säuglingsheim im Norden Berlins wurden Jahrzehnte hindurch Mütter und Kinder in treueste Obhut genommen. Alle, die mit Minna Schwarz an diesem Jüdischen Werk gebaut haben, wissen von der unermüdlichen Frau zu berichten, die strahlenden Auges in jeder Sitzung begann: „Wir brauchten bis zum heutigen Tage keine werdende Mutter abzuweisen.“

Sabine Krusen zieht ihren schwarzen Schal zurecht und spannt einen dunklen Schirm auf. Es regnet.

„Dieses Gartenhaus ist kein Hinterhofgebäude, das sieht man heute noch. (… ) [Es] ist von allen Seiten von Luft und Sonne umgeben, ist sehr, sehr hell, ist sehr modern damals gewesen. Man hat es 1913 in wenigen Monaten hochgezogen…“

Bewohner recherchierte Geschichte des Hauses

Heute ist dieses Gartenhaus in der Brunnenstraße 41 schick saniert. Wo früher Wintergärten waren, glänzen silbrige Metallbalkone. Seit März 2009 lebt die Familie Jacobs im zweiten Stock. Wir müssen im Gartenhaus noch mal klingeln, – steigen dann die Treppen hoch.

David Jacobs lädt uns ein, am Küchentisch Platz zu nehmen. Er hat, als die Gedenktafel draußen vor dem Haus angebracht wurde, über das Haus recherchiert, in dem er jetzt wohnt.

Bewohner David Jacobs erzählt: “ [Es] hat mich sowieso beeindruckt, dass die jüdische Gemeinde hier vor 1933 in Berlin ein funktionierendes, eigenes Hilfs- und Sozialwesen hatte. Dass die eigene Strukturen aufgebaut hatten – praktisch auch um den Armen zu helfen. Ich fand das schon recht faszinierend, weil man ja immer nur so aus der Distanz von der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung gehört und eigentlich relativ wenig darüber, wie haben die eigentlich gelebt?“

David Jacobs hat eine mittlerweile erwachsene Tochter, die auf das jüdische Gymnasium in der Hamburger Straße gegangen ist. Er hat jüdische Wurzeln.

„Ja, meine Großmutter hieß Charlotte Rotschuh und war offensichtlich aus einer jüdischen Familie, sie war selbst nicht religiös. Ich habe sie selbst nie kennengelernt“, erzählt er.

Ein lebendiges jüdisches Viertel

Direkt nach der Wende, in den 1990er Jahren wusste es kaum jemand mehr, aber die Gegend um die Brunnenstraße war vor dem Krieg ein jüdisches Viertel. Das Haus mit der Nummer 33 ist die Synagoge. Heute sind die Fenster teilweise zugemauert, teilweise verspiegelt, Tag und Nacht steht die Polizei davor. Sie wird wieder genutzt – die einzige Berliner Privat-Synagoge. Bestimmt sind Minna Schwarz und ihre Mitarbeiterinnen vor 100 Jahren in diese Synagoge gegangen. Bis sich das Leben in Berlin total änderte:

„Deutsche macht euch frei, von der Judentyrannei – Deutsche wehrt euch, kauft nicht bei Juden“ – das riefen Sprechchöre im April 1933. Und 1941 begannen die Deportationen.

Nazis machten aus Minna-Schwarz-Heim ein ‚Judenhaus‘

David Jacobs weiss, dass „das Grundstück genutzt wurde um die Leute zu sammeln, um sie dann auf die Transporte zu schicken.“

Wie aber passierte es genau, dass das Minna Schwarz Heim nach und nach zu einem sogenannten „Judenhaus“ wurde? Berlinweit wurden die Juden gezwungen, ihre meist größeren Wohnungen aufzugeben. Viele mussten aus Pankow und Reinickendorf nach Mitte umsiedeln. Auch jüdische Bürger, deren Häuser ausgebombt waren, zogen in das Minna Schwarz Heim ein.

Wir gehen wieder runter in den Hof, in Richtung Brunnenstraße. Sabine Krusen guckt nachdenklich zurück, auf das Gartenhaus. Es gibt keine umfassende Forschung zu den Berliner Judenhäusern. Wie viele Menschen hier im Minna-Schwarz-Heim lebten und unter welchen Umständen – bleibt unklar:

„Wir wissen – dass da vorwiegend die älteren Leute untergebracht waren. Das waren auch die, die tendenziell nicht versuchten aus Deutschland zu flüchten und die auch Versorgung brauchten. Wir wissen, dass es eine Heimleiterin gab, da liegt ein Stolperstein vor dem Haus. Und es gab offensichtlich weitere Angestellte, die mit ihren Kleinkindern hier gewohnt haben müssen. Denn wir haben bis zum Ende auch ein paar Babys und sehr kleine Kinder. Also ich habe einfach gesucht nach Leuten, die gegen Ende der 30er Anfang der 40er Jahre diese Adresse haben“, erzählt Sabine Krusen.

Deportationen nach Theresienstadt

Wer von den Bewohnern wurde außer der Heimleiterin deportiert – und wohin? Nach intensiver Recherche fanden sich im Landesarchiv zwei Deportationslisten:

Sabine Kruse: „[Aus den Listen] geht hervor, dass zwei mal ein größerer Transport direkt von hier weg ging – direkt in die Lager. [Ich] habe versucht diese Namen zu recherchieren und bin insgesamt auf etwa 150 Personen gekommen.“

150 Menschen, die von hier deportiert wurden, nach Theresienstadt zum Beispiel oder nach Auschwitz.

Sabine Krusen wird weiter recherchieren

Ein junger Mann in einem braunen Strickpullover kommt, macht die große Eingangstür auf, er will nach Hause. Weiß er, was dieses Haus früher für ein Haus war? „Ja, dieses Mädchenheim oder Kinderheim für jüdische Kinder“, antwortet er.

Das liest man auf der Gedenktafel und dort steht auch, dass dieses Haus ab 1940 ein sogenanntes ‚Judenhaus‘ war. „Den Gedanken habe ich versucht zu verdrängen. Ich wollte da wirklich nicht dran denken. Wusste ich nicht wirklich. Ich habe aber zu meiner Freundin gesagt: Ich hoffe, von hier aus gingen keine Deportationen. Schade, dass Sie mir das jetzt sagen, das versaut mir den Sonntag“, antwortet der junge Mann.

Minna Schwarz lächelt. Unverändert freundlich. Ein verirrter Sonnenstrahl fällt auf das Foto auf der Plexiglas-Gedenktafel. Der Regen hat aufgehört. Sabine Krusen faltet ihren Schirm zusammen. Sie wird weiter recherchieren.

Eine Reportage von Anke Schaefer

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