Hilde Singer: Von Berlin nach New York


Hilde Singer ist im „Bayerischen Viertel“ in Berlin aufgewachsen. Mit ihrem Mann Kurt Singer hat sie Flugblätter gedruckt. Die beiden wurden verraten. Nach einem Jahr Gefängnis gelang ihr die Flucht nach New York. Martina Schrey und ihre Tochter Marta haben die beeindruckende Frau getroffen.

Die Geschichte von Hilde Singer hat uns an diesem sonnigen Samstagvormittag hierher geführt, meine Tochter Marta und mich. Im U-Bahnhof Bayerischer Platz ist gerade eine Ausstellung zu sehen, Fotos aus den 1920er Jahren: Hier hat die junge Jüdin damals ihre Kindheit verbracht, auf den Fotos sehen wir Kinder mit Hut, Seemannskragen und Tornister, Straßen ohne Autos, herrschaftliche Häuser der Gründerzeit.

Martina Schrey: „Kannst du dir vorstellen, dass Hilde hier rumgelaufen ist?“
Marta: „Ich weiß nicht. Ich hab´s mir anders vorgestellt.“

Praktisch nichts erinnert hier mehr an die „Jüdische Schweiz“, wie das Bayerische Viertel in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auch genannt wurde. Renommierte Ärzte, Wissenschaftler und Künstler lebten hier, auch Hildes Familie.

Geburtshaus Jenaer Straße 21

„Hilde Singer, als Jüdin geboren, 1911 in Berlin. Sie ging in Berlin-Schöneberg zur Schule. Die hat sie jedoch abgebrochen und eine Ausbildung als Röntgenassistentin absolviert. Inzwischen hat Hilde einen Mann kennengelernt, den sie heiraten wollte, obwohl ihre Eltern nicht so ganz einverstanden waren, weil er aus nicht so guten Verhältnissen kam“, erzählt Mara Hilde Singers Biographie.

Wir biegen ab in die Jenaer Straße, hier, in der Nummer 21 hat Hilde mit ihren Eltern gelebt. Ihrem Vater Siegfried Tradelius gelang die Flucht nach Schweden, ihre Mutter Alice brachte sich Ende der 30er Jahre im Gefängnis um.

Marta: „Hier sind auch schon Stolpersteine. Aber noch nicht von Hildes Mutter.“


Hilde Singer lebt heute in New York

Hilde Singer lebt noch. Im Juni haben Marta und ich sie in New York besucht. Seit 50 Jahren wohnt sie im 20. Stock eines Gewerkschafts-Hochhauses in Chelsea, Manhattan. Aus Berlin ist sie bereits 1935 geflohen, erst nach Schweden, dann, in letzter Minute, 1940, in die USA.

Mit breitem Lächeln begrüßt sie uns, ihr pinkfarbenes T-Shirt lässt ihre Augen noch mehr leuchten, ihr Alter sieht man ihr nicht an: “Man wird nur einmal 102 Jahre!”, lacht Hilde Singer.

Marta meint: „Für ihr Alter sieht sie echt jung aus. Also sie läuft noch selbständig und möchte auch gar nicht mit Rollator laufen und möchte eigentlich auch gar nicht so viel Hilfe, weil sie es auch allein meistern möchte. Und sie ist nicht so jammerig wie andere“.

Zeitreise in die Kindheit

Unsere New Yorker Freundin hat Hilde Singer bei einer Lesung über Juden in Berlin kennengelernt. Bis dahin hatte Hilde jahrzehntelang kein deutsch mehr gesprochen, auch nicht mit ihren eigenen Kindern. Doch inzwischen sind alle Erinnerungen wieder da: An ihre Sprache, ihre Kindheit in Berlin und an den Berliner Zoo, wo sie im Sommer fast jeden Tag waren, zum Abendbrot mit Stullen und Bier:

Hilde Singer: „Mein Vater, der war etwas wohlbeleibt, der ist im Zoo in die Waldschenke gegangen, dort hat man Diät-Brunnen getrunken. Und auch morgens ist man dorthin gegangen, zum spazieren gehen.“

Hilde nimmt uns mit auf eine Zeitreise und Marta hört immer interessierter zu.

Eine charismatische, fröhliche und lebensbejahende Frau

Marta: „Für mich wirkte sie so offen und – es war einfach total lustig, wenn sie einen Witz [erzählt] hat, dann hat sie nicht gelacht. Erst als die anderen verstanden haben, dass es ein Witz ist und total blöd dreingeschaut haben, hat sie angefangen zu lachen und sich erstmal so richtig schlapp gelacht.“

Hilde Singer singt: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug. Und sein ganzes Streben ist ein Selbstbetrug …!“

Marta: „Die Schwester von Hilde, ist total gern zur Schule gegangen und konnte dann rgendwann nicht mehr, weil Hitler verboten hat, dass Juden zur Schule gehen. Erst dachte ich: Ist doch cool, nicht mehr zur Schule, aber wenn man sich das dann überlegt, man kann nicht mehr zur Schule gehen, nicht mehr so die Freunde treffen – und dann ist ein Teil des Lebens einfach nicht mehr da. Das ist dann auch traurig.“

Widerstand gegen das Nazi-Regime

Hildes Eltern, Alice und Siegfried Tradelius hatten eine Kleiderfabrik in Berlin, es ging ihnen gut, ihr Vater Siegfried war ausgezeichneter Frontkämpfer im 1. Weltkrieg und leidenschaftlicher Deutscher reformjüdischen Glaubens. Hildes Eltern hatten auf einen Geschäftsmann als Schwiegersohn gehofft, doch Kurt Singer schrieb Gedichte und Zeitungsartikel, war politisch aktiv – und warnte schon früh vor den Plänen und Gräueltaten der Nazis.

Marta: „Hildes Eltern schenkten ihnen eine Bücherei. Im Keller dieser Bücherei schrieben sie Flugblätter. Doch eines Tages erwischten die Nazis sie. Hilde war gerade allein. So ist sie auch allein ins Gefängnis gekommen. Dort blieb sie ein Jahr in Haft. In dieser Zeit lernte sie schwedisch.“

Hilde Singer: „Das Gefängnis, wo ich war, das war in der Barnimstraße. Das Frauengefängnis. Und wenn man zum Fenster rausgeguckt hat, hat man Karstadt gesehen. Da war eine Figur oben auf dem Dach von Karstadt. Was das für eine Figur war, das weiß ich nicht, aber sie war aus Gold. Und wir haben das „Hotel zum goldenen Gott“ genannt.“

Flucht und Tod der Eltern

Ihr Mann Kurt Singer konnte in der Zwischenzeit nach Schweden fliehen. Und obwohl sie wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilt war, kam Hilde tatsächlich nach einem Jahr wieder frei, noch half ein sehr guter Anwalt der jüdischen Familie. Zusammen mit ihrer Schwester ging auch sie nach Schweden, nur ihre Eltern blieben in Berlin.

Hilde Singer: „Mein Vater war schwerhörig, und sie haben Geld in Holland gehabt. Sie hatten ein Dienstmädchen, die hat´s verraten, dadurch sind sie ins Gefängnis gekommen. Und dann hat man meiner Mutter gesagt, dass mein Vater tot ist. Und da hat sie sich das Leben genommen im Gefängnis.“

Marta: „Also – als sie das erzählt hat, hat man schon Trauer in ihren Augen gesehen. Ich glaube, das war schon ziemlich hart für sie, dass dann irgendwann einfach die Nachricht kommt, ihre Mutter hat sich im Gefängnis umgebracht. Das kann man sich ja eigentlich gar nicht vorstellen, auch so als Kind. Dass die eigene Mutter stirbt.“

Nur ein einziges Bild ihrer Mutter ist ihr geblieben

Was genau mit ihrer Mutter passiert ist, weiß Hilde bis heute nicht. Auch die Namen auf den Stolpersteinen, die jetzt vor ihrem Elternhaus liegen, kennt sie nicht. Aber die Idee findet sie gut, hört von uns zum ersten Mal, dass es sowas wie Stolpersteine gibt. Ein Stolperstein für ihre Mutter Alice Tradelius – und damit endlich auch Aufklärung darüber, was damals eigentlich genau passiert ist – das ist seitdem Hildes großer Wunsch.

Nur ein einziges Bild ist ihr geblieben von ihrer Mutter, es hängt über dem Tisch in Hildes Wohnzimmer – aufgenommen in den 30er Jahren auf dem Balkon in der Jenaer Str. 21.

Hilde Singer singt: „Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht …“

Hilde Singer will nicht zurück nach Berlin

Das Elternhaus von Hilde steht heute noch, man kann ihn erkennen, den Balkon im 2. Stock, auf dem das Foto entstanden ist. Marta hat für sich aufgeschrieben, was sie an diesem Nachmittag mit Hilde Singer in New York erfahren hat. Von dem Leben einer Berlinerin vor fast hundert Jahren, das mit ihrem so gar nichts mehr zu tun hat.

Marta: „Heute ist das ja auch ganz anders. Jeder hat seine Meinungsfreiheit, deswegen gibt es ja auch die Politik mit mehreren Parteien, nicht mit einer Partei an der Macht. Also – ich sag auch ganz oft meine Meinung, also manchmal muss es einfach raus. Und andere müssen´s wissen. Man muss ja auch irgendwie seine Meinung sagen. Es ist ja auch gut für´s Zusammenleben, wenn jeder seine Meinung sagt. Aber damals …“.

Marta kann verstehen, dass Hilde nicht mehr zurück will in eine Stadt, in der alle ihre Freunde erschlagen wurden oder ausgewandert sind. Und doch würde sie ihr gerne das Berlin von heute zeigen:

Marta: „Ich würde auf jeden Fall mit ihr in den Zoo gehen!“

Von der Begegnung mit Hilde Singer will Marta jetzt erstmal in ihrer Schule erzählen – die ist in Wilmersdorf, gerade mal zwei km von Hildes altem Elternhaus entfernt.

Ein Stolperstein für ihre Mutter

Hilde Singers Wunsch wird übrigens erfüllt: Für ihre Mutter Alice wird vor der Jenaer Str. 21 ein Stolperstein verlegt.

Eine Reportage von Martina Schrey

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